Einführung
Das Thema Organspende ist kein einfaches Thema. Es ist für viele Menschen angstbesetzt und ein wenig unangenehm. Soll ich nach dem eigenen Tod Organe spenden? Diese Frage ist sehr persönlich – jeder kann sie nur für sich beantworten.
In der Überzeugung, dass Kunst den Blick auf das Wesentliche zu lenken vermag, einen vorurteilsfreien Blick ermöglicht, gerade in einem schwierigen Kontext neue Denkprozesse in Gang setzen kann, hat das Ministerium für Arbeit und Soziales einen Kunstwettbewerb zum Thema Organspende ausgelobt.
204 Kunstschaffende haben sich mit bis zu zwei Arbeiten beteiligt.
Für die landesweit an neun Orten geplante Wanderausstellung hat eine siebenköpfige Jury schließlich Werke von 31 Künstlerinnen und Künstlern ausgewählt. Dabei handelt es sich um Arbeiten aus den Bereichen Malerei, Zeichnung, Skulptur, Fotografie und Installation, sowie zwei Videoarbeiten. Überzeugen konnten sie die Jury durch ihre inhaltliche Komplexität und das hohe künstlerische Niveau. Das Hauptaugenmerk der Jury lag darauf, dem Anspruch an zeitgenössische Kunst gerecht zu werden.
Bereits in der Aufzählung der unterschiedlichen Techniken zeigt sich die Bandbreite künstlerischer Positionen.
Vielfältig und tiefgreifend ist auch die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Organspende und Transplantation.
So betonten einige Kunstschaffende in ihren Werken die Einzigartigkeit des Individuums, das Wunder des Lebens und die grundlegende Forderung, dass bei allen medizinischen Möglichkeiten immer der Mensch im Vordergrund stehen müsse.
Der Einzelne als Patient, der auf ein geeignetes Spenderorgan angewiesen ist, und jeder, der als potentieller Spender Leben schenken kann. Individuum und Masse. Dabei wurde die Frage der Kompatibilität von Empfänger und Spender ebenso thematisiert, wie die Ausweglosigkeit des Kranken, dessen letzte Rettung ein geeignetes Spenderorgan ist.
Die zermürbende Situation des Wartens, des zur Untätigkeit Verurteilten, die Sorge und Angst der Familien, die die zunehmende Verschlechterung des Gesundheitszustands eines geliebten Menschen miterleben müssen, aber auch die Trauer und Hilflosigkeit der Angehörigen eines Verstorbenen angesichts der Frage einer möglichen Organspende.
Künstlerisch umgesetzt wurden diese Aspekte durch Überlagerung, materielle Vielschichtigkeit oder collageartige Elemente oder als Animationscollage durch die Kombination filmischer und animierter Sentenzen.
Aus künstlerischer Sicht beleuchtet wird auch die ethische Auseinandersetzung. Organspende als Akt christlicher Nächstenliebe. Wie begreift man den eigenen Körper, als Wunder des Lebens, der auch nach dem Tod Leben schenken kann.
Das Ende eines individuellen Lebens könnte dank der noch gesunden Organe einen Neubeginn für einen anderen Menschen bedeuten und damit das Geschenk des Lebens weitergeben.
Das Verhältnis des Einzelnen zu seinem Körper oder der eigenen Gesundheit wird thematisiert. Wie wenig Beachtung schenken wir dem Wunder unseres eigenen Organismus, so lange alle Organe reibungslos funktionieren. Erst im Falle einer Erkrankung, wenn das Gleichgewicht ins Wanken geraten ist, richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die biologischen Abläufe.
Die Fragilität und Verletzlichkeit der Haut und der inneren Organe und die Komplexität der internen Abläufe werden dargestellt – im künstlerisch übertragenen Sinne das Motiv von Hülle und Kern. Durch eine zuweilen abstrakte Bildsprache werden diese grundlegenden Zusammenhänge besonders deutlich.
Kunstimmanente Bildmittel wie Form, Farbe oder Linie und die Haptik oder Qualität eines bestimmten Materials lösen Assoziationen aus und setzen einen inneren Denkprozess in Gang, wie er in der rein intellektuellen Beschäftigung nicht möglich wäre.
Neben ethischen, zuweilen auch kritischen Aspekten werden auch ganz konkret die enormen Einschränkungen thematisiert, die beispielsweise Patienten erfahren, die auf eine Dialyse angewiesen sind. Formuliert wird die Dankbarkeit des auf Grund einer Organspende von seiner Angst und seinem Leiden erlösten Empfängers gegenüber dem anonymen Spender.
Thematisiert wurde die Transplantierbarkeit verschiedener Organe. Die Hornhaut, als Teil des menschlichen Auges und Synonym für Licht. Die Augen als Spiegel der Seele, wobei auch im übertragenen Sinne die geistige Auseinandersetzung und die Bedeutung des Sehens als Wahrnehmung der Realität und Möglichkeit der Aufnahme der gesellschaftlich relevanten Notwendigkeiten betrachtet werden kann.
Natürlich wird das Herz in vielen Werken, über das transplantierbare Organ hinaus Symbol für Nächstenliebe und Uneigennützigkeit im christlich-historischen Kontext oder zur Metapher des Mitgefühls ganz allgemein.
Dieser, aus der christlichen Ikonographie stammenden Symbolik bedient sich Prof. Hans Peter Reuter, dessen flammendes Herz auf blau gerastertem Grund in seiner, im positivsten Sinne, plakativen Bildsprache zum Katalog- und Plakatmotiv der Ausstellung wurde. Yvonne Kendall bietet in ihrer Skulptur „Donation Platte“ die aus Stoff geformten und mit Schnur umwickelten Organe buchstäblich mit offenen Händen dar. Ihrer Aussage zufolge ist gerade in schwierigen Kontexten Humor eine wichtige Voraussetzung der Auseinandersetzung. Mit ihrer doppelschichtigen Glasskulptur „Meine Augen sind deine Augen“ thematisiert die Künstlerin Michaela A. Fischer die Transplantierbarkeit der Hornhaut. Das fotografische Porträt der eigenen Tochter, das sich im Abstand weniger Zentimeter von vorne betrachtet deckt, sobald man zur Seite tritt die unterschiedlichen Ebenen erkennen lässt, steht für die Möglichkeit der Übertragung und die Voraussetzung der Deckungsgleichheit organischer Merkmale ebenso, wie für den Blick als künstlerische und rezipierende Voraussetzung. Die erste Preisträgerin Gabriela Nasfeter überzeugt durch eine Arbeit, die sowohl technisch als auch inhaltlich die Vielschichtigkeit des Themas betont. In mehreren übereinandergespannten hauchzarten Bildträgern wird die menschliche Figur den direkten Blicken des Betrachters entzogen und damit der Individualität beraubt. Diagonale Linien symbolisieren ein sensibles Gleichgewicht der Zusammenhänge, die auch auf die komplexen Vorgänge im menschlichen Organ anspielt. Stark vergrößerte und durch Rahmung herausgehobene, schematisiert wiedergegebene Organe schließlich stellen den konkreten Bezug zum Thema auf der obersten Bildebene her.
Eingebettet in umfangreiche Informationen innerhalb der Ausstellung öffnen die Werke den Blick auf die verschiedensten Aspekte der Organspende und Organtransplantation, die Kunst wird zur Mittlerin.
Die künstlerische Brechung auch mit den Mitteln der Ironie oder des Humors, die Konzentration auf einen Teilaspekt sowie die Formulierung in unterschiedlichen Medien und in den verschiedensten stilistischen Ausprägungen lenkt die Aufmerksamkeit auf das komplexe Thema Organspende.
Durch die Fokussierung der Kunstschaffenden angeregt, ist die Annäherung leichter möglich.
Fragen werden aufgeworfen, Befürchtungen angesprochen. Die Beschäftigung mit den Fakten, die Auseinandersetzung, die zur individuellen Entscheidungsfindung erforderlich ist, wird angeregt.
Regina M. Fischer
Kuratorin

